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Dietrich Nummert
La Jana - die »vollkommene Blöße«

Die Schauspielerin Henriette Hiebel (1905-1940)

Im Jahr 1936 ging am deutschen Showhimmel ein neuer Stern auf - La Jana. Der Zirkusfilm »Truxa« machte sie berühmt. Man pries die »Schönheit ihres Körpers«, seine »Makellosigkeit« und »strahlende Aura«. Aus welcher Galaxis hatte sich der neue Stern nach Berlin verirrt?
     Henriette (Henny) Margarethe Hiebel, am 24. Februar 1905 im damals noch außerhalb Wiens gelegenen Örtchen Mauer geboren, wuchs seit 1907 in Frankfurt am Main auf. Vater Heinrich Hiebel, vorerst ohne Beruf, fand in der Goethestadt Arbeit, Mutter Anna Niederauer, verwitwete Schmidt, betreute Henny und deren ältere Schwester Anny sowie den Haushalt. Die Eltern waren brave Leute. Vielleicht wunderten sich die Nachbarn, weil beide erst 1909 heirateten, also lange nach der Geburt ihrer Mädchen. Nebenbei: In einer Abschrift der Heiratsurkunde ist Hennys Geburtsjahr mit 1915 angegeben - Amtliches kann eben auch falsch sein.
     Kindheit und Jugend von Henriette Hiebel verliefen wie fast überall in Familien netter Bürger.


Die Schauspielerin und Tänzerin La Jana
Zeichnung: Wulf-Bert Beil

Strenge drückte auf Unbekümmertheit, Ordnung begleitete fast immer Spaß, die Pflicht zur Sparsamkeit dämpfte materielle Wünsche. Und natürlich war Lernen angesagt.
     Die Schwestern zeigten schon in der Kindheit Interesse an Gesang und Tanz. Ob die Nähe der Wohnung in der Großen Bockenheimer Straße, Freßgass genannt, zur Oper diese Neigung beeinflusste?

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Jedenfalls war sie tief verwurzelt, denn Anny, begabt mit angenehmer Stimme, wurde Sängerin (Chor, dann 2. Sopran), Henny, gewachsen wie Aphrodite, dazu beweglich und biegsam, jieperte nach Tanz. Ihren werdenden Charakter beleuchtet eine Episode: Heimlich soll sie dem Leiter der Ballettschule vorgetanzt haben, und erst nachdem er ihr Talent bescheinigte, habe sie die Eltern gebeten, die Ballettschule besuchen zu dürfen. Sie durfte. Nachdem sie das 16. Lebensjahr vollendet hatte, war endlich ein Ziel erreicht: Aufnahme ins Corps de Ballet der Oper - Monatsgage 100 Mark.

Die spanische Tänzerin

Die ersten Schritte ihres beruflichen Weges dokumentierten weder sie noch Menschen ihrer Umgebung. Folglich stehen in Zeitungsartikeln und selbst in Lexika widersprüchliche Angaben. Beispielsweise soll sie 1921 in Trude Hesterbergs »Wilder Bühne« aufgetreten sein - mit 16 Jahren? Oft findet sich die Behauptung, sie habe »auf Bühnen hessischer Kurorte« sowie in Gaststätten getanzt. Andere Berichte melden Anstellungen in Dresden, Hamburg, London, Wien, Paris. Gesichert scheint, dass sie vor ihrem Berliner Engagement in Paris weilte. Dort will sie Géza von Cziffra (1900-1989), flotter Journalist, Drehbuchautor und Regisseur, entdeckt und nach Berlin »entführt« haben.

Launig unchiffriert schreibt Cziffra davon in »Kauf dir einen bunten Luftballon«.
     Henriette Hiebel lebte nun in Berlin. Die Stadt zog Weltverbesserer und Glücksritter an, Neuerer der Künste und Gralshüter des Alten. Fred Hildenbrandt (1892-1963), Feuilletonchef des »Berliner Tageblatts«, beschreibt mit leichter Hand diese Szene: »Herr von Lustig, Rittmeister a. D. der einstigen k.u.k. Kavallerie und gerissener Geschäftsmann, gab einen Ball. In der Hohenzollernstraße natürlich, wo er wohnte und sich die Creme der Berliner feinen Gesellschaft amüsierte.« »Der Gastgeber«, schreibt Hildenbrandt, »nahm mich am Arm, ... >Sie müssen meine neueste Attraktion bewundern.< Das Zugstück war eine spanische Tänzerin!« Aber, ach, Hildenbrandt kannte die Exotin, die eine Bekannte aus Frankfurt war, Henny Hiebel nämlich.

Exotisch und reizvoll

In Berlin, wo die Spree die dünn gewordene Panke schluckt, stand einst das Große Schauspielhaus (später Friedrichstadtpalast), von Hans Poelzig (1869-1936) im Jahre 1919 für Max Reinhardt (1873-1943) umgebaut. Der übertrug Jahre später die künstlerische Leitung des Riesentheaters Eric Charell (1895-1973). Charell brachte Revuen auf die Riesenbühne, reich ausgestattete, großartig in Szene gesetzte Shows, die allabendlich das Haus füllten.

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So auch am 3. September 1928, als die Presse- und Festvorstellung der von Ralph Benatzky (1884-1957) als Revue bearbeiteten Strauß-Operette »Casanova« Kritiker und Publikum berauschte.
     Für die Titelrolle hatte Charell den gefeierten Opernsänger Michael Bohnen (1887-1965) engagiert (Tagesgage 1 800 Mark!). Die New Yorker Met hatte ihn für eine Spielzeit beurlaubt. Weitere namhafte Künstler wirkten mit: die Damen Ahlers, Frind, Kupfer, Lieske, Serda, Sturm und Walter, die Herren Arno, Bendow, Morgan und Picha, als Solotänzerinnen La Jana und Marianne Winkelstern, während der Intermezzi sangen die Comedian Harmonists erstmals unter ihrem neuen Namen.
     Die Presse feierte Bohnen. Seine »persönlichkeitsstarke, aktionsgespannte Erscheinung« präge den Abend, er »singt, wirbt, ficht im Wohlgefühl seiner Rolle mit starkem gewinnenden Spiel«. Lob heimsten Charell, Benatzky und Professor Stern (Gesamtausstattung) ein. Die anderen Mitwirkenden empfingen ebenfalls Beifall, sparsamer allerdings. La Jana konnte freundliche Sätze lesen: »... die exotisch reizvolle La Jana«, ihre »erlesene Schönheit« fielen auf; sie durfte »mit ihrem rassigen Körper prangen«.
     Das Presse-Echo enthüllt: Nicht sie war der Stern, wie spätere Chronisten wissen wollten.
Und den Skandal, weil sie, regiewidrig, Bohnen auf den Mund geküsst, was diesen zur Weißglut getrieben habe, hat es nicht gegeben. Wir kennen das: Normales, glaubt manch Reporter, bringe zu wenig Quote.
     Die Revue füllte allabendlich Parkett und Ränge. Charell sah Chancen, mit dem Frauenliebling Casanova über die Saison hinaus die Kasse klingeln zu lassen. Bohnen war dafür. Er und La Jana hatten sich im Verlauf der hundert Vorstellungen kennen- und lieben gelernt, der 41-jährige Sänger und die gerade 23-jährige Tänzerin wurden ein Paar. Aber die Herren der Met pochten auf den Vertrag mit Bohnen, den die dortige Kritik für den größten Wagner-Interpreten jener Zeit hielt. Er musste also Berlin verlassen.
     In den folgenden Jahren, überfrachtet mit wildem Trubel und hitzigen politischen Kämpfen, sah La Jana sich zunehmend einer besonderen Art Verfolgung ausgesetzt: Männer bedrängten sie. Alte und junge, reiche und weniger Wohlhabende, adlige und bürgerliche Herren stiegen ihr nach, sogar eine kaiserliche Hoheit befand sich darunter. Gab sie dem einen oder anderen nach? Wies sie alle ab? Ob ja oder nein - Klatsch blühte, und Gerüchte hatten auch damals größere Chancen, geglaubt zu werden.
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Bohnen und La Jana

Anfang der Dreißiger kehrte Bohnen zurück. Er zog in die Höhmannstraße 6, wo La Jana eine stattliche Wohnung in einem stattlichem Haus gemietet und geschmackvoll eingerichtet hatte. Dass sie eine Luxusvilla besaß, ist auch so eine Journalisten-Erfindung. Den vordem nebenan wohnenden Kritiker Alfred Kerr (1867-1948) lernte die Tänzerin schon nicht mehr als Nachbarn kennen. Inzwischen nämlich gaben Hitler und seine Leute den Ton an. Ihren Verfolgungen, Foltern und Morden aus dem Wege zu gehen, hatte Kerr sich dem größten Exodus deutscher Intelligenz angeschlossen, der je stattfand.
     Die Mehrheit der Deutschen aber wartete ab, hoffte auf Wandel oder jubelte. Sprachen La Jana und Bohnen über Deutschlands Not? Ließen sie sich mitreißen vom Ja-Geschrei?
     Beide beschäftigte zunehmend ihre Partnerschaft. La Janas Verehrer waren nicht weniger geworden, wo sie hinkam, stand sie im Mittelpunkt, Filmleute, Varieteedirektoren, Agenten baten um Termine. Das störte den verwöhnten Star. Eifersucht plagte ihn, machte ihn wohl auch ungerecht. Der schwergewichtige Sänger erwies sich als zu leicht im Streit, der lautstark und giftig eskalierte.
     Eigentlich ein Allerweltsproblem, öfter vorkommend in Partnerschaften. Trennung hingegen war schon seltener. Hier jedoch geschah sie. Jeder ging fortan seinen eigenen Weg.

Filme wie Modellkleider angepasst

La Jana hatte bereits 1930 in einem Film mitgewirkt:»Die Warschauer Zitadelle«. Der Streifen jedoch beeindruckte weder Publikum noch Kritik. »Der Schlemihl« (1931) mit Curt Bois(1901-1991) und Hubert v. Meyerinck(1896-1971) in den Hauptrollen, hatte ein ähnliches Schicksal. Dann kam das Jahr 1936, mit ihm die Olympiade in Berlin, die Presseanweisung Nr. 821 und La Janas Sternstunde. Die Sportspiele brachten den Nazis Zuspruch in der Welt. Die Anweisung an die Presse untersagte Worte oder Wortfolgen wie »Kirchenvolk«, katholisches Volk«, »wir Katholiken«, denn es gäbe nur ein deutsches Volk. Die Katholikin La Jana, von solchen Befehlen nichts wissend, gewann mit dem Zirkusfilm »Truxa« Ruhm und die Gunst der Zuschauer. Die Rolle war für sie maßgeschneidert: Tanz (viel), Text (kaum), Ausdruck (wenig), Körper (total).
     Ihr Repertoire wird künftig dem Muster von »Truxa« gleichen. Filme wurden ihr wie Modellkleider angepasst, ihre einzigartige Figur spielte die Hauptrolle. Die Handlungen in »Der Tiger von Eschnapur« (1938), »Es leuchten die Sterne« (ebenfalls 1938), »Menschen vom Varieté« (1939) oder »Der Stern von Rio« (1940), in denen neben La Jana Filmgrößen wie Rudi Godden, Hans Holt, Attila Hörbiger, Theo Lingen, Hubert von Meyerrinck, Hans Moser, Hans Söhnker, Eduard von Winterstein spielten, sie alle folgten dem gleichen Muster, der gleichen Absicht.

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Zahllose Menschen nahmen die Einladung zum Träumen an, ließen sich bereitwillig entführen in eine erfundene Welt, die schöner, heller und bunter als die eigene reale war. Zu viele Lasten nämlich bot ihr Alltag. Die vielen ausgeklügelten Sondermeldungen von Deutschlands wachsender Größe, die bejubelten Heim-ins-Reich-Fanfaren und sportlichen Siege nutzten sich mehr und mehr ab - die zunehmende Verdunkelung der Stimmung brauchte Filme mit strahlenden Sternen und Stars.

Ein nettes, zugängliches Mädchen

Ob sich La Jana ihrer Rolle im System der Goebbels-Propaganda bewusst war? Blieb sie unberührt davon, dass, nachdem vor Jahren bereits Alfred Polgar(1873-1955) sie eine »vollkommene Blöße« genannt hatte, nun zunehmend immer nur ihr Körper beachtet und gelobt wurde? Dass Zeitungen schrieben, sie werde den »Zuschauern halbnackt, auf einem silbernen Tablett serviert«, dass ihre »schöne Körperlichkeit« das Publikum verzauberte, nie jedoch ihre tänzerische Anmut?
     Die Vermutung liegt nahe. Henriette Hiebel trauerte zwar über eine einseitige Kritik, nahm sie aber andererseits als gegeben hin. »Sie war ein einfaches, nettes, zugängliches Mädchen« (von Cziffra), einfach, bescheiden und hilfsbereit. Sie war dankbar für ihre Schönheit, die sie als Gottesgeschenk, als ihr ganz persönliches Schicksal wertete

und das sie bereitwillig annahm, welches ihr und ihrer Familie erlaubte, ein angenehmes Leben zu führen. Was wollte sie mehr? Nun - für sie ganz wichtig -, es schenkte ihr die Zuneigung tausender und abertausender Zuschauer. Dieses Riesenheer kleiner Angestellter, Beamter, Handwerker, Händler und Soldaten, nicht gerade begabt mit überragendem Kunstverständnis; sie müssen eine tiefe Verwandtschaft erahnt, gespürt haben mit diesem Elfenwesen, das ihren Träumen Gestalt gab, wenig sprach, weil sie, wie sie selbst, wenig zu sagen hatte. - Goebbels lachte sich eins, seine Saat der Manipulation ging auf und wucherte.
     Verhaltensweisen unserer Vorgänger, die wir von Heute nicht selten als oberflächlich oder wenig verantwortungsbewusst beurteilen, bestimmten zu allen Zeiten und unter jeglichen Regimes menschliches Tun. Wohl durchschauten hin und wieder auch Mehrheiten volksfeindliches Regieren; aber wer protestierte, wie wenige standen schon dagegen auf? Volksmund weiß davon seit langem: Zwischen dem Wollen und dem Tun liegt das Meer. Darum rettet es sich oft genug mit Witzeleien oder mit hinter vorgehaltener Hand getuschelter Kritik über eigene Verlegenheit. Während der zwölf Jahre des Tausendjährigen Reiches karikierten unzählige Witze nicht nur das ungermanische Aussehen der Herren Hitler, Göring und Goebbels. Letzteren soll La Jana irgendwann einen »falschen Hund« genannt haben (von Cziffra).
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Er steuerte neben anderem Deutschlands Filmwelt, die Regisseure, Schauspieler und Schauspielerinnen, namentlich die jungen, hübschen. Wollte er auch die graziöse Tänzerin umarmen, umgarnen? Und als sie seine beschwörenden Sprüche überhörte, ließ er sie da seine Macht schmerzhaft spüren?

Dienstverpflichtet ohne zu murren

Wer dem teuflischen Nazi-System den kleinen Finger reichte - Goebbels und seinesgleichen grabschten sich stets die ganze Hand. Die Mitwirkenden des künstlerischen und kulturellen Riesenkonzerns spielten nicht einfach eine Rolle - sie taten Dienst. Folglich hieß das Wort, mit dem sie auf Reisen an die Fronten des inzwischen begonnenen Krieges zur Aufmunterung Verwundeter in Lazarette und Genesungsorte geschickt wurden: Dienstverpflichtung. Einer solchen hatte sich La Jana ebenfalls zu unterwerfen. Sie tat es ohne zu murren. Bereits als Elevin hatte sie gelernt, nicht aus der Reihe zu tanzen. Solche Gewohnheit sitzt tief, steuert berufliches und privates Leben.
     Dass sie so gar nichts von einer Heroine hatte, ihr Aussehen sie ungeeignet erscheinen ließ für Propaganda-, Sieges- und Durchhaltefilme - ihr Glück. Sie hätte sich kaum retten können vor Rollenangeboten in Kriegsdramen, geeignet, das Morden und Brennen zu verlängern.

Also spielte sie Exotisches, Verträumtes, Hauptrollen, die seltsam substanzlose Rollen waren, die der Kritik entgegenkamen, einseitigem Urteil geradezu die Feder führten. Immer wieder etwa ist zu lesen, La Janas charakteristische Frisur sei der Madonnenscheitel gewesen. Oder wie von Cziffra schrieb: »... für Sex hatte sie soviel Interesse wie Immanuel Kant. Also gar keins.«
     Die erste Behauptung ist leicht zu widerlegen. Von La Jana existieren Hunderte Fotos, nur ganz wenige davon zeigen sie mit strengem Mittelscheitel. Auf anderen ist sie sittenstrenge Dame oder unverdorbenes Dorfkind, rätselhaft lächelnde Marihani, kesse Göre, auch Bardame, Teenager, makellose, reine, keusche junge Frau. Auf keinem Foto gleicht sie einer Heldenmutter, wie Hitler sie sich dachte, nie einer strammen BDM-Führerin. Dass Fotogesichter kaum Schlüsse zulassen über darstellerisches Können, ist gewiss. Immerhin jedoch sind Wandlungsfähigkeit, mimisches Vermögen erkennbar, und sie zumindest lassen Zweifel keimen an obiger Behauptung. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Leser, prüft er die zweite Bemerkung. Memoirenverfasser wie Hildenbrandt oder v. Chiffra behaupten, La Jana sei so etwas Ähnliches wie eine Unberührbare gewesen. Und klatschen doch tüchtig über Liebschaften, die sie mit diesem, jenem und anderen gehabt habe. Sollten etwa beide Herren zu den Abgeblitzten zählen?
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     Die zarte Blume, wie sie vielfach genannt wurde, tanzte inzwischen dienstverpflichtet während des eisigkalten Winters 1939/40 auf zugigen Bühnen in Lazaretten, Kasernen, Provinztheatern. Der Frühling des Jahres 1940 stand vor der Tür, mit ihm neue Hoffnung. Die vergangene Zeit hatte beruflich Erfolg gebracht, aber ... »Geld hab ich selbst, ich brauch einen Menschen, den ich lieb haben kann«, soll sie gesagt haben. Würde die neue Jahreszeit Wärme auch ihrem Herzen bringen?
     Henriette Hiebel war kein neuer Frühling beschieden. Weisungsgemäß stets mit einem Minimum an Kleidung auftretend, hatte sie einer Lungenentzündung wenig Widerstand zu bieten, die unbekannte letzte Kälte gewann. Fast wörtlich übereinstimmend berichteten Zeitungen: »In den Abendstunden des 13. März griff der Tod mit unerbittlicher Hand in das von Arbeit, Erfolg und Schönheit durchglühte Leben der Tänzerin.« Ebenfalls im Gleichschritt folgten falsche Details.
     Etwa, sie sei nur 30 Jahre alt geworden. Oder, der Tod habe sie bei der Truppenbetreuung an der Front überfallen, obwohl er ihr in Riesa begegnete und sie in Berlin holte.
     Auf dem Waldfriedhof in Dahlem fand sie ihr Grab. Später, die Liegedauer mochte wohl abgelaufen sein, verschwanden Grab und Grabstein, auf solche Art Behördenalltag widerspiegelnd. Das war für einige einstige Verehrer Anlass, sich zu kümmern.
Sie sorgten dafür, dass La Jana ein Ehrengrab erhielt.
     Ach ja, La Jana. Seinerzeit war die Rede davon, der geheimnisvoll klingende Name bedeute im Indischen »die Blumenreiche«. Wir wissen, Indisch als Sprache gibt es gar nicht. Dort verständigt man sich in Hindi, Urdu, Bengali, Oriya, Marathi, Gudscharti oder oder oder ... In keiner dieser Sprachen existiert der Begriff La Jana. In Sanskrit allerdings findet sich das Wort Layana, und das heißt Ruhe oder Ruhestätte. Möge ihr Ruhe beschieden sein.
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© Edition Luisenstadt, Berlinische Monatsschrift Heft 7-2/2001
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