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Hans Aschenbrenner
18. Juni 1949
Bei Aschinger fast wie früher

»Wer früher nach Berlin kam, besuchte Aschingers Bierstuben oder eine Konditorei dieser Firma, ebenso wie einer, der nach London oder Paris kam, es nicht versäumte, zu Lyons oder Dupont zu gehen. Die Aschinger-Brötchen à la discrétion waren ebenso bekannt wie die Löffelerbsen. Nicht nur die Studenten mit schmalem Wechsel bevorzugten diese Spezialitäten.« Diese Zeilen schickte »Der Tagesspiegel« in seiner Ausgabe vom 20. Juni 1949 der knappen Mitteilung voraus, daß zwei Tage zuvor, an einem Sonnabend, Aschinger seine erste Konditorei in West-Berlin nach dem Kriege in der Ansbacher Straße nahe dem Wittenbergplatz eröffnet hat. Wenig später, am 15. Februar 1950, machte Aschinger dann mit einer »Bierquelle« jene Art von Lokal auf, mit der man Ende des vergangenen Jahrhunderts ins gastronomische Geschäft eingestiegen war. Der Name »Aschinger« war immer noch allgegenwärtig, so daß es nicht verwunderte, daß sich zahlreiche Neugierige voller Erwartung vor der Restauration mit traditioneller blauweißer Fassade in der Joachimstaler Straße auf dem Wege vom Bahnhof Zoo zum

Kurfürstendamm drängten. Die Gäste, die hineinströmten, so wurde tags darauf im »Telegraf« die Eröffnung beschrieben, waren »Männer mit Heimkehrermützen, Ehepaare, hungrige Büromenschen, Frauen mit Pelzmänteln, Berliner in Arbeitskleidung und im Ausgehdreß und dazu die Typen vom Zoo, ob sie mit Streichhölzern handeln oder im Bettlergewand Mitleid heischen. Für das Personal war es ein Freudentag. Die blonde Kellnerin hatte schon in Aschinger-Filialen am Potsdamer Platz und in der Friedrichstraße bedient, bis der Zusammenbruch kam. Der Zapfer und die Verkäuferin hinter der Theke waren dabeigewesen, als 1943 die Aschingerquelle in der Joachimstaler Straße bei einem Luftangriff in Trümmer ging.«
     Nun war sie noch einmal da die typische Aschinger- Atmosphäre. Schon äußerlich wurde sie durch die Einrichtung dokumentiert: Stehtische, das lange Bufett mit den Speisen zur Selbstbedienung, die Spiegelsäulen, und auch die berühmten Körbchen mit den Gratisbrötchen sind wieder am angestammten Platz. Daß es die Brötchen umsonst gibt, das hat schon früher, besonders in schlechten Zeiten, so manchem Gast geholfen, sich bei einem bezahlten Bier satt zu essen. Wie in den alten Zeiten gibt es die Terrine Erbsensuppe, Bierwürstchen, Schinkenwürstchen, belegte Brötchen. Der Zeit angepaßt, möglichst billig, »aber verständlicherweise noch nicht friedensmäßig«, wie es umschrieben wird, sind die Preise.
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Mit einer solchen »Bierquelle« hatte einst alles begonnen. Die in Württemberg gebürtigen Aschinger-Brüder August und Karl Koch und Bufettier eröffneten am 1. September 1892 in der Neuen Roßstraße Nr. 4 in der Nähe des Spittelmarktes die erste »Aschinger's Bierquelle«. Die Stehbierhalle unterschied sich von denen der Konkurrenz dadurch, daß auf der Speisekarte vorwiegend Schnellgerichte zu niedrigen Preisen standen. Die Brüder Aschinger setzten der Hast des angebrochenen Industriezeitalters gemäß auf das Geschäftsprinzip: »Billig und schnell!« Und sie hatten Erfolg damit. Erstmals wurde das Bier unter den Augen des Gastes ausgeschenkt; eingeführt wurde die »kalte Mamsell« mit den belegten Brötchen, ebenso die »Erbsensuppe mit Speck« und die Bierwurst.
     Die Aschinger-Bierquellen breiteten sich rasch aus; es gab sie bald auch im Umfeld der großen Bahnhöfe Friedrichstraße, Zoo und Alexanderplatz, am Spittelmarkt und Potsdamer Platz, in der Friedrich und Leipziger Straße, an der »Plumpe« (in Gesundbrunnen) und in den Hauptstraßen Neuköllns. Den Bierquellen folgten Cafés, zum Unterschied vom Blau-Weiß der ersteren in Grün-Gold, den Altberliner Konditoreifarben, gehalten. Zum geflügelten Wort wurde der Satz »Schnell mal bei Aschinger 'nen Happen essen!« vor oder nach dem Kino, dem Besuch im Theater oder Varieté, von Sportereignissen oder auch nur einfach
so. Das »Restaurant aller Berliner« war geboren.
     Die Ausweitung des Geschäfts erforderte es, im Jahre 1900 die Betriebsform in eine Familienaktiengesellschaft mit drei Millio-

 

Speisen- und Getränkekarte einer gehobeneren Aschinger-Lokalität (vom 14. Juli 1930)

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nen Mark Kapital zu ändern. 1906 eröffnete die Aschinger AG das bekannte Weinhaus »Rheingold« in der Bellevuestraße dicht neben dem Hotel »Esplanade«, ein Jahr darauf folgte das Hotel »Fürstenhof« am Potsdamer Platz. Später sind Beteiligungen an anderen Hotels und Nobeleinrichtungen hinzugekommen.
     Anderthalb Jahrzehnte nach der Eröffnung der ersten Bierquelle in der Neuen Roßstraße 4 erstreckte sich Aschingers gastronomisches Netz über die ganze Stadt: Bierquellen und Bierglocken (beim Anstechen ertönte eine Glocke), erstklassige Restaurants, Konditoreien, Cafés. Von der Direktion zurückgetreten, arbeiteten die Brüder bis zuletzt im Aufsichtsrat mit Karl Aschinger starb 1908, August Aschinger 1911. Fritz Aschinger, Augusts Sohn, gerade 17jährig und Hotellehrling in Paris, sollte die Tradition des Hauses fortführen; die geschäftliche Leitung übernahm Kommerzienrat Hans Lohnert, der 1902 in den Vorstand eingetreten war. Anfang der dreißiger Jahre besuchten täglich etwa 40 000 Gäste die Aschinger-Lokale, zu denen 23 Bierquellen, 15 Konditoreien, acht weitere Restaurants, 20 Verkaufsstellen gehörten. In der Blütezeit wurden nur ein Beispiel wöchentlich 1,1 Millionen Brötchen in der hauseigenen Bäckerei gebacken.
     Schon sehr früh hatte man sich entschlossen, eigene Spezialbetriebe, inklusive eines Fuhrparks (der Pferdebestand übertraf den
vom Circus Busch), einzurichten; anfangs waren sie zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke in gemieteten Stadtbahnbögen, dann in eigenen Räumlichkeiten in der Neuen Friedrichstraße untergebracht. Später wurde auf einem extra dafür erworbenen Grundstück in der Saarbrücker Straße im Bezirk Prenzlauer Berg ein neues Zentralgebäude errichtet. Im März 1912 wurde es in Betrieb genommen und um die Mitte der zwanziger Jahre noch einmal beträchtlich erweitert. Damit stand fortan zur »Eigenversorgung« eine Riesenzentrale zur Verfügung. Hier hatte man eine Fleischzentrale, in der die Fleischwaren für die warme Küche vorbereitet wurden, die Verarbeitung zu Wurst, Sülze, Dauerware, Feinkost, Pökelware erfolgte; sogar Mostrich wurde selbst hergestellt; es gab eine Wäscherei (und Seifenherstellung), in der die Restaurationswäsche und die Berufsbekleidung von 6 000 Angestellten gewaschen und in einer Plätterei und Ausbesserungsanstalt gebügelt und überholt wurde, ebenso existierten Tischlerei und Stuhlfabrik sowie Schlosserei und Klempnerei, um auch Küchengeräte und Beleuchtungskörper herzustellen und zu warten; auch das Tafelgerät der Hotels wurde mit eigenen Kräften repariert und aufpoliert.
     80 Prozent des Aschinger- Imperiums wurden während des Zweiten Weltkrieges durch Bomben und Granaten zerstört. Es konnte nicht mehr zu einem ernsthaften
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Versuch kommen, das Unternehmen wieder zu einstiger Blüte zu bringen. Immerhin haben in West-Berlin auf längere Zeit vor allem zwei Aschinger-Gaststätten die Tradition weitergeführt: ebenjene, die im Februar 1950 in der Joachimstaler Straße eröffnet worden war und die 1971 noch einmal in einen großen Neubau Ecke Joachimstaler und Hardenbergstraße »umgesiedelt« wurde, sowie eine weitere in der Neuköllner Karl-Marx- Straße.
     Zum 15jährigen Nachkriegsjubiläum der beiden »Quellen« am Zoo und in Neukölln im Jahre 1965 gab es als Geburtstagsgeschenk an die Berliner eine Stunde lang »Preise wie in alten Zeiten« ein Bier für 15 Pfennig und Erbsensuppe mit Speck für 50 Pfennig. 1967 sorgten Hygienevorschriften ein Gast soll sich beschwert und damit den »Anstoß« geliefert haben dafür, daß es keine Brötchen mehr aus dem Korb gab, die Gäste nicht mehr einfach zulangen konnten. Die Schrippen, zwar noch immer gratis, persönlich an der Theke abzuholen, zierten sich viele Gäste.
Andere gastronomische Einrichtungen verschiedenster Art wurden zunehmend bevorzugt. Immer höhere Mietforderungen brachten den Betrieb in die roten Zahlen. 1973 ließ Ingrid Aschinger-Walton, Enkelin des Firmengründers August Aschinger, die 1900 gegründete Aktiengesellschaft noch einmal in eine Einzelfirma umwandeln. Am 1. Oktober 1976 hat das berühmte »Aschinger« am Bahnhof Zoo dann seine Pforten geschlossen. 1989 wurde am Kurfürstendamm im Stil der dreißiger Jahre »ASCHINGERs Historischer Braukeller« aufgemacht, der alle Rechte für den klangvollen Namen erworben hat. Ein Mitglied der einstigen Aschinger-Familie hat dieses Unternehmen mitbegründet, in dem auf alte Tradition Wert gelegt wird, wovon sich jeder Besucher überzeugen kann.

Bildquelle: Archiv Autor

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